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Close to Home: Bizim Bakkal - Bizim Kiez

June 02, 2015  •  Leave a Comment

 

 

 

Im Sommer 2014 sind meine Familie und ich, nach zwölfjähriger Abwesenheit, wieder nach Berlin und in den Wrangelkiez gezogen. Einiges hatte sich geändert, anderes war unverändert und vertraut. Veränderung per se kann etwas Positives, ein Vorwärtskommen auf unterschiedlichstem Niveau bedeuten. Auf den Kiez bezogen jedoch freuen wir uns über das, was sich nicht oder nur wenig geändert hat, über eine nach wie vor praktische Infrastruktur; viele der Läden für den täglichen Rundgang gibt es noch, andere haben geschlossen, wiederum andere, neuere Läden ergänzen das Angebot. Bei einem meiner ersten Gänge zum Bakkal war Ahmet Çalişkan anwesend. Er musterte mich aufmerksam und sagte mir dann, daß er mich kenne, daß ihm mein Gesicht bekannt vorkomme und daß ich früher schon bei ihm einkaufen war. Nach zwölf Jahren! Ich war ziemlich sprachlos und hocherfreut. Bizim Bakkal gehört wieder zu meinen festen Anlaufstationen.

Verändert hat sich vor allem die Bar- und Restaurantszene. Eine Handvoll alter Kneipen gibt es noch, ansonsten ist die Zahl der Einrichtungen für uns Wiederkehrer ins Unüberschaubare gestiegen. Unsere erste Reaktion war durchaus positiv. Bei einem solchen Angebot würden wir mit dem Ausprobieren erst mal eine ganze Weile beschäftigt sein. Was sich allerdings hinter den Kulissen abspielt, vermochten wir noch nicht recht abzuschätzen, das für uns neue Phänomen der Touristenströme konnten wir noch nicht recht einordnen. In der Ferne hatten wir während unserer Abwesenheit von unseren Freunden sporadisch Neuigkeiten und Nachrichten bekommen: Der Prenzl Berg ist durchgentrifiziert, selbst Schuld - das wird in Kreuzberg so schnell nicht passieren...

Jetzt befinden wir uns mittendrin. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage des freien Markts trifft diesen Teil von Kreuzberg besonders hart. Nirgendwo sonst ist die Bevölkerungsstruktur so vielschichtig und bunt, so intelektuell und bodenständig, so arm und reich. Nirgendwo sonst geht die Philosophie des leben und leben lassens eine so scheinbar perfekte Symbiose ein. Der abgewetzte Begriff Multi-Kulti ist hier Zuhause. All dies macht die Einzigartigkeit des ehemaligen SO 36 aber auch fragil und angreifbar. Laissez-faire, Toleranz und der Glaube an das Gute im Menschen wissen auch leider einige gut für sich zu nutzen. Verschiedene Gewinn-orientierte Geschäftsmodelle mit ausreichend Kapital machen sich im Kiez breit und betreiben etwas, das die meisten Anwohner für so schnell nicht möglich gehalten hätten: Verdrängung. Das Gemeine und Gefährliche daran ist der meist völlig legale und gleichzeitig stille und schleichende Prozeß. Immobilienfirmen mit Namen wie aus einem schlechten Film gehörten eher auf andere Planeten namens Friedrichstrasse oder Ku-Damm. Und jetzt hier?

Nun ist Bizim Bakkal betroffen, dem Laden ist vom neuen Hauseigentümer fristgerecht zu Ende September der Mietvertrag gekündigt worden. Aufmerksame Nachbarn reißen die Notleine, es kommt zu einem ersten Treffen besorgter Kiezbewohner und Unterstützer des Ladens. Die recht große Anzahl der Interessierten und Engagierten läßt ein wenig hoffen, zumindest aber Mut fassen. Es wird weitere Treffen geben, die zum Ziel haben, aufzuklären: Was ist Fakt? Wie stehen die Möglichkeiten für Bizim Bakkal, einen neuen Mietvertrag abzuschliessen? Was kann, was darf der neue Hauseigentümer? Wie sehen die von Politik und Gesetz vorgesehenen Einschränkungen gegen Gentrifizierung und Verdrängung aus? Wie kann man diese künftig anwenden? Es werden wohl leider noch einige ähnlich gelagerte Fälle im Wrangelkiez auf uns zukommen. Aufklärung einerseits, Engagement andererseits werden die effektivsten Waffen sein, derer sich die Anwohner bedienen können.

Aus dem Namen Bizim Bakkal (unser Laden) leitet sich das schöne neue Kiez-Motto ab: BIZIM KIEZ !

 

 

 

 

 

 

 

Bizim Bakkal in der Wrangelstrasse 77.

 

 

 

 

Der ursprüngliche Laden und die neuere Erweiterung im Hintergrund. 

 

 

 

 

Ahmet Çalişkan führt den Laden seit 28 Jahren. Er ist 1974 seinen Eltern aus Burdur

in der südwestlichen Türkei nach Deutschland gefolgt.

 

 

 

 

Neben Obst und Gemüse...

 

 

 

 

...gehören inzwischen auch mediterrane Lebensmittel zum Angebot.

 

 

 

Noch ein Artikel aus dem Wrangelkiez: Kubis Bike Shop.

 

 

 

 


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